Ein Interview mit dem Chef der Kapelle

Christian Waibel ist bereits seit 2007 Dirigent unseres Vereins - und damit mit großem Abstand der Dirigent mit der längsten Amtszeit in der Geschichte des Musikvereins. Grund genug unseren Dirigenten etwas auszuquetschen ...

Dirigent leitet Konzert mit Chor und Musikkapelle
Christian Waibel leitet beim Kirchenkonzert nicht nur die Kapelle, sondern auch den Chor

Frage: Wie war eigentlich dein Weg zur und innerhalb der Blasmusik?

Ich war als Kind bereits beim Fußball in der Jugend des TSV Überlingen am Ried und wollte aber auch in den Musikverein. Meine 2 Brüder waren damals auch im Musikverein. Ich weiß noch genau, dass meine 1. Musikprobe am gleichen Tag wie die Einschulung in die Zeppelin-Realschule Singen Anfang September 1979 war. Zeitgleich fingen damals 9 weitere Kinder im Musikverein an. Von den insgesamt 10 Personen, die im September 1979 anfingen, bin ich heute der Einzige, der immer noch Musik macht. 

 

Zunächst war nur Musiktheorie und erst nach ca. einem ½ Jahr bekam ich damals mein Wunschinstrument: Das Flügelhorn.

Mein Ausbilder Josef Scheu, der später dann auch der Dirigent im MV Überlingen am Ried war, brachte mir das dann Spielen auf dem Flügelhorn bei. Natürlich musste ich auch zu Hause üben.

 

So ab 1984 (glaube ich) durfte ich dann bei den Aktiven des MV Überlingen am Ried dann mitspielen. Mir wurde gleich das 1. Flügelhorn als Stimme gegeben. Eigentlich waren an der Stimme noch 2 weitere Musiker, aber die waren fast nie da und deshalb war es für mich schon schwer, gut in das Orchester reinzukommen.

So ging es dann weiter über die jungen Jahre und ich entwickelte mich musikalisch sehr gut weiter.

1988 war der 1. Dirigentenwechsel in Überlingen für mich auf Robert Huber. Robert Huber, selbst früher ein sehr guter Trompeter, setzte die musikalische Maßstäbe sehr hoch an. Aber leider konnten und wollten einige Musikerkolleginnen und Musikerkollegen diesen Weg nicht mitgehen und verließen den Verein. Er war es auch, der darauf drängte, dass alle Flügelhornisten auch eine Trompete haben müssen. Daraufhin kaufte ich meine 1. eigene Trompete. Durch die hohen Ansprüche von Robert Huber wurde meine musikalische Leistung stetig besser.

Bedingt durch die vielen Austritte waren wir am kleinen Blech noch max. 4 Bläser und hatten dem entsprechend „viel zu tun“, d.h. teilweise lagen 2 verschiedene Noten nebeneinander und wir mussten innerhalb der Stücke hin- und herspringen.

 

Die nächste Zeit, die mich prägte, war so im Jahr 1991 die Anfrage von Uwe Sauter, in die neuen Böhmerländer Musikanten einzutreten. Eine damals ganz neue Formation mit Hauptsitz in Tengen, die sich der Böhmischen Blasmusik verschrieben hatte.

Normalerweise geht es ja mit kleinen Auftritten los, aber unser 1. Auftritt war ein Live-Auftritt am Radio beim SWR4 im Rahmen eines Etappenortes der „Tour de Ländle“ in Villingen-Schwenningen.

Eine ganz heiße Sache für einen Start einer neuen Formation!

Über die vielen Jahre bei den „Böhmerländern“ haben wir ganz sicher so 80 bis 100 Live-Auftritte bei verschiedenen Radiosendern gespielt. Dann wurde das eher zur Routine. Ebenso folgten dann relativ bald auch die 1. Fernsehauftritte. Unvergessen der 1. Auftritt im ZDF bei der „Volkstümlichen Hitparade“ mit Caroline Reiber. Ganz ungewohnt, alles Playback, Durchlaufproben im Studio, dann in der Maske geschminkt zu werden, Leute, die einem Hemden gebügelt haben… Oder der Fernsehauftritt im „Musikantenstadl“ bei Karl Moik, der am Hochjoch in Schruns/Vorarlberg auf 1800 m Höhe stattfand. Auch hier Profis vom ORF mit allem was dazu notwendig ist. Schlechtes Wetter dann leider am Tag der Live-Sendung. Starker Regen den ganzen Tag schon; der ORF überlegte, anstatt diese Sendung eine Aufzeichnung vom Musikantenstadl aus Peking zu senden. Karl Moik selbst kam zu uns in die Umkleide kam und fragte: „Burschen, spielt’s ihr? Keine Frage wir waren dabei. Kurz nach der Sendung schneite es dann am 01.06.2001 auf 1800 m Höhe…

Ich bin heute immer noch am 1. Flügelhorn von „Uwe Sauter & D’BöÖöhmis“ mit dabei, wobei sich über die Zeit der Musikstil von perfekter böhmischer Blasmusik in Richtung „Bigband-Sound“ oder auch die „Party-Mucke“ geändert hat. Wir können in der Formation aber immer noch alle Richtungen abdecken, je nachdem was der Veranstalter wünscht.

Frage: Und wie kamst du dann zum MV Hausen?

Wie kam ich zum MV? Ab und an war ich von Alexander Kopp, der auch viele Jahre bei den Böhmerländern spielte, als Aushilfe angefragt worden . 

So auch zu einem Doppelkonzert mit dem MV Rötenbach aus dem Schwarzwald. Hier lernte ich dann meine wunderbare Frau Carmen näher kennen und lieben!

Dadurch war ich auch mehr beim MV Hausen bzw. der Spielgemeinschaft Hausen/Beuren mit dabei.

Dann bauten wir das Elternhaus von Carmen um und wir zogen zusammen dort ein.

Die nächsten Jahre hatte ich dann 3 Orchester zum Mitspielen und Proben: MV Überlingen a.R., MV Hausen a.d.A. und die Böhmerländer. Zeitlich eine sehr schwierige Sache für die Familie, die Kinder und mich.

 

Ja, so lief das über die vielen Jahre, in den ich Musik mache. Bis ich dann Dirigent wurde und beim MV Überlingen a.R. aufgehört habe.

Christian Waibel am Konzert 1997 noch recht versteckt im Bild
Christian Waibel am Konzert 1997 noch recht versteckt im Bild

Frage: Was brachte dich zu deiner Berufung als Dirigent?

Als Josef Watz Ende 2006 beim MV Hausen a.d.A. als Dirigent aufhörte und leider auch einige verdiente Ehrenmitglieder zu anderen Vereinen wechselten oder aufhörten, waren wir im MV Hausen a.d.A. nur noch 16 aktive Musikerinnen und Musiker. Wir hatten dann eine „Krisensitzung“ mit allen Musikern. Es ging – leider nicht das 1. Mal – darum, ob wir weitermachen können oder aufhören.

Einen externen Dirigenten zu finden, der sich mit so wenigen Musikerinnen und Musikern zufriedengibt, war kurzfristig ein unmögliches Unterfangen. Also ging es um eine interne Lösung.

 

Da blieben so beim Überlegen, wer das machen könnte, nicht viele übrig, die da machen könnten….

So wurde ich eine Interimslösung!!! Ich hatte Erfahrung mit verschiedenen Dirigenten in Überlingen und Hausen gemacht, aber auch die jahrelange Erfahrung wie Uwe Sauter in den Proben mit den Musikerinnen und Musikern arbeitete, prägte mich sehr.

Okay, versuchen wir es. Ich hatte davor noch nie dirigiert - Beim Bund deutscher Blasmusikverbände in Staufen meldete ich mich dann zu einem „Schnupperkurs“ über 2 Wochenenden an, wobei ich nur an 1 Wochenende daran teilnahm. Hier bekam man zumindest die Grundbegriffe gezeigt. Alles weitere habe ich mir dann selbst angeeignet.

 

Für einen offiziellen C3-Dirigenten-Lehrgang vom Verband hatte ich nie wirklich Zeit dazu. Interessant und prägend für meine Art/Auffassung als Dirigent war mitzubekommen, dass sich mal in Überlingen am Ried für eine Lehrgangsprobe des C3-Dirigentlehrgangs dann 2 Lehrgangsteilnehmerinnen vorstellten und mit dem MV Überlingen a.R. je ein Musikstück einstudieren sollten. Die beiden angehenden Dirigenten war sehr unterschiedlich. Eine wusste ziemlich genau, was sie wie was haben wollte; die andere musste immer wieder ihren auch anwesenden Mentor fragen, wie sie was machen sollte.

Das hat mich auch geprägt, denn beim Dirigieren kommt es zwar auch auf ein exaktes Dirigat an, aber es ist viel wichtiger zu wissen und vor allem rüberzubringen, was und wie das Stück zu klingen hat. Im Kopf muss eine klare Vorstellung da sein, was am Ende der Probephase für ein Stück dabei herauskommen muss. Wenn das nicht funktioniert beim Dirigenten, dann ist das Ergebnis das, dass die Musiker zwar die Noten einigermaßen korrekt spielen, aber das Orchester keine Spielfreude zeigt und das Stück nicht „klingt“ bzw. nur heruntergespielt ist. Das Publikum merkt sehr schnell, ob die Musiker und auch der Dirigent mit Freude und Eifer bei der Sache sind oder überkonzentriert und musikalisch überfordert agieren.

Das ist meine „Philosophie“ für das Dirigieren.

Ich denke, dass ich damit die letzten jetzt schon 14 Jahre nicht schlecht gefahren bin! 

Vom ersten Probenwochenende 2007 hat sich in den letzten Jahren doch einiges getan...

Frage: Hat man als Dirigent ein Lieblingsstück?

Puh, ein Lieblingsstück. Das ist schwierig. Das lässt sich eigentlich nicht definieren. Über die schon bald 40 Jahre, in denen ich Musik mache, war vieles populär und hat einem gefallen.

Eine richtig gespielte Polka ist mir genauso viel wert, wie ein tolles Solostück oder ein Stück, bei dem alle im Orchester richtig viel (auch eigenständig) arbeiten müssen.

Sorry, aber da kann und will jetzt keinen Titel raushauen.

frage: Was macht dir am meisten Spass?

Als Dirigent macht mir am meisten Spaß zu sehen, dass wir miteinander Stücke erarbeiten können, die ich mir vor Jahren nur geträumt habe. Diese mit dem MV Hausen a.d.A. zu spielen und dabei zu sehen, wie sich die Musikerinnen und Musiker entwickeln, zu wissen, wen ich wie fordern und fördern kann. Das ist der musikalische Teil. 

Menschlich ist für mich toll, wie die Musikerinnen und Musiker mitziehen, wie sie sich engagieren und in die Proben kommen. Wir können offen miteinander reden, haben es auch lustig und lachen in der Probe, aber arbeiten dann aber auch wieder sehr konzentriert miteinander. Registerproben und auch die schönen Probewochenenden, die für mich sehr sehr anstrengend sind, werden gut aufgenommen. Ohne überheblich klingen zu wollen, wird mir von den Musikerinnen und Musikern eine gute Probearbeit attestiert. Über die vielen Jahre als Dirigent ist das wichtig.

Frage: Dann gibt es doch auch sicher etwas worauf du verzichten könntest?

Gerne verzichten würde ich auf die Tatsache, dass wir personell immer am untersten Level sind. Halt, nicht falsch verstehen, es geht mir nicht um die Qualität der Musikerinnen und Musiker. Diese ist hervorragend. Mir geht es darum, dass ich gerne mehr Musiker hätte, die es einfacher machen würden, die Stücke im Original-Arrangement zu spielen, anstatt immer wieder Passagen umzuschreiben auf andere Stimmen, um somit sonst entstehende Lücken zu füllen. In der Zeit als Dirigent habe ich nun über 2500 Dateien auf meinem Laptop, die entweder ganze Stimmen oder eben nur Ausschnitte/Passagen sind, die ich umgeschrieben habe. Das möchte ich aber nicht in Stunden/Wochen/Monate umrechnen, was das an Zeit gekostet hat. ABER: Der Erfolg mit den Anpassungen in den Stücken gibt mir recht, weil das Stück sonst nicht funktioniert hätte.

Frage: Wie hast du als Dirigent die Pandemie erlebt?

Ja, leider war ja Anfang März 2020 zunächst einmal Schluss mit Musikproben oder gar Auftritte. Zum Sommer 2020 durften wir zwar wieder proben, aber es gab keine Ziele in Form von Auftritten, weil jeder Veranstalter die Auftritte abgesagt hatte.

Nach der Sommerpause 2020 hatten wir ein kleines musikalisches Ziel in Form der Mitgestaltung eines Wortgottesdienstes auf dem Lindenplatz. Wir probten dann weiter und ich hatte ein paar neue Stücke „in Arbeit“ mit meinen Musikerinnen und Musikern. Aber dann war ja am 30.10.2020 die letzte Musikprobe vor dem nächsten Lockdown bis wir dann wieder im Juni 2021 mit Proben im Freien beginnen durften. Mir und auch dem Vorstand war wichtig, dass wir keine weiteren Abgänge zu verzeichnen hatten. Im Gegenteil war unsere Erwachsenen bzw. Wiedereinsteigerwerbung erfolgreich und wir konnten uns sogar noch verstärken!!! Von anderen Vereinen in der Umgebung hörten wir leider anderes…

Musikalisch hatten wir nie vor, irgendwelche Videos zu erstellen, in dem jeder Musiker ein Stück spielt und das dann in mühevoller Kleinstarbeit zusammenzuschneiden und zu veröffentlichen. Auch neue Stücke zu suchen, war nicht meine Intension, dann ich habe ja immer noch Stücke, die aus der letzten Sommersaison-Repertoire-Suche noch nicht gespielt sind!

Als MV Hausen a.d.A. waren wir etwas aktiv mit den – wie wir uns intern nennen – „St. Agatha-Bläsern“. Wir spielten zu viert, d.h. Steffen Kollosche, Maximilian und Alexander Kopp und ich Weihnachtslieder beim Hospiz in Singen, dann 2x an Weihnachten in der St. Agatha-Kirche in Hausen und begleiteten bis nach dem Lockdown noch 2 weitere Messen in der Kirche in Hausen. Mit Weihnachtsliedern sind wir über die netten Weihnachtsliederheftchen gut ausgestattet. Für die 2 weiteren Messen habe ich dann Stücke wie „Arrival von ABBA“, „Trumpet Voluntary“, „Amazing Grace“, „Über 7 Brücken“ und „Heal the World“ für eine Quartett-Besetzung umgeschrieben, damit diese dann spielbar und auch funktioniert haben. Neben dem Arrangieren für das Quartett musste ich selbst an der 1. Stimme ran, d.h. auch hier mal wieder viel eigenes Üben, um für diese Messen dann „fit“ zu sein. Also hatte ich schon zu tun, aber eben nicht regelmäßig mit Musikproben, Repertoire-Suche, Noten umschreiben usw.

Jetzt sind wir wieder beim Proben. Das Wetter und vor allem die aktuellen Corona-Regeln mit 3G für Musikproben in Innenräumen machen es uns nicht einfach, den Probebetrieb aufrecht zu erhalten. Ich hoffe, dass wir damit zurechtkommen und uns die Möglichkeit des Probens aufgrund der Corona-Regeln nicht genommen wird.

Der 1. Vorstand und ich sind sogar noch optimistisch, vielleicht das Kirchenkonzert abhalten zu können…

Auftritt der St. Aghata Bläser vergangene Weihnachten
Auftritt der St. Aghata Bläser vergangene Weihnachten